Daneben aber gibt es ein starkes Bedürfnis nach eigenen selbstbestimmten kulturellen Aktivitäten.
Dabei geht es um Gruppenbildung und Identität, um Selbstbestätigung und Selbstwirksamkeit.
Darüber diskutieren wir heute Abend: über lebendige Fankulturen.
Die aktive Fankultur will mehr als nur die passive Zuschauer- und Konsumentenrolle. Dafür braucht sie Raum.
Deshalb kommt es hier immer wieder zu Konflikten mit allen, die den Fußball organisieren und die eigenständige, nicht von ihnen organisierte und kanalisierte Aktivitäten stören.
Ich spreche das nur an, weil mich die politische Komponente interessiert. Denn eigene Aktivitäten, also bürgerschaftliches Engagement außerhalb von festen Institutionen wie Vereinen oder Parteien werden besonders in Bayern von politischen und anderen Autoritäten als störend empfunden.
Das wiederum stört mich.
Denn mehr Platz für mehr bürgerschaftliches Engagement heißt für mich auch mehr Demokratie.
Und beides können wir gerade in Bayern sehr gut brauchen.
Wie Sie sicher schon bemerkt haben, finde ich selber Politik genauso spannend wie Fußball.
Deshalb will ich kurz darüber sprechen, was die beiden verbindet.
Und da meine ich nicht Vergleiche wie den, dass Bayern in der Champions League spielt, oder dass uns Bayern eine „Mia san mia"-Mentalität auszeichnet.
Mich interessiert das Demokratische, das Utopische und das Zivilisierende am Fußball.
Demokratisch ist, wie gesagt, das Bedürfnis, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern eine aktive, gestaltende Rolle zu spielen.
Wer Fan ist, braucht dafür keine Entscheidung und keine Rechtfertigung. Im Gegenteil. Ich zum Beispiel hänge immer noch an einem Verein, an dem ich vieles schrecklich finde. Rational kann ich das nicht erklären.
Mir fällt da nur die Graugans von Konrad Lorenz ein:
Der Verhaltensforscher hat herausgefunden, dass eine aus dem Ei schlüpfende Graugans das erste Wesen, das sich bewegt, als „Mutter" „adoptiert". Das nennt er Prägung.
Im Unterschied zur Graugans wird ein Fußballfan seine kindliche Prägung nie mehr los.
Für den Fan füllt Fußball eine Lücke: man weiß, zu wem man gehört, das gibt Orientierung - zumindest in der Welt des Fußballs.
Dieses wachsende Phänomen ist für mich auch eine Kritik an der gegenwärtigen Politik, die den Wenigsten Orientierung bietet, und Kritik an einer Gesellschaft, in der viele vergebens ihren Platz suchen.
Das wirklich Schöne am Fußball: er ist Demokrat.
Es ist ja nicht so, dass bei uns in Deutschland die Künstler nicht geliebt würden. Zumindest die Fußballkünstler.
Aber es gibt halt nicht so viele. Genies sind rar.
Kämpfen aber und sich mit Leidenschaft für eine gemeinsame Sache engagieren und sein Bestes geben, das kann jeder.
Jeder, der auf dem Platz steht, zählt, jeder wird gebraucht, jeder einzelne kann das Spiel entscheiden, positiv wie negativ.
Alle sind auf einander angewiesen.
Vom Fußball lernen heißt Demokratie wagen.
Die Freude am Fußball ist auch ein Aufschrei gegen die Defizite unserer parlamentarischen Demokratie.
Er ist zugleich die allwöchentliche Kritik an unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das immer mehr Menschen als nicht brauchbar aussortiert und nicht einmal mehr auf die Ersatzbank setzt.
Wie lebendig unsere Demokratie ist, hängt wie auf dem Fußballplatz davon ab, wie lebendig wir selbst sind und wie sehr wir uns reinhängen. Nur wenn wir uns engagieren, bringt uns das Spiel was.
Nur wenn wir unsere Mitspieler in all ihren Schwächen und Stärken akzeptieren, haben wir zusammen eine Chance.
Das ist ein utopisches Element.
Fußball als Sinnstifter gibt mir etwas, was mir sonst fehlt.
Zumal wenn ich selber spiele.
Es sind die wenigen Sekunden, die herausragen, auf die ich warte - und die allzu oft ausbleiben.
Ihr Versprechen aber steht immer auf dem Platz: Ein genialer Pass, eine raumöffnende Drehung, ein einziges Mal perfekte Schusshaltung.
Nur gewinnen ist schöner.
Ich muss zugeben, dass diese Minuten mit zunehmendem Alter immer seltener werden.
Fußball lehrt Demut.
Es sind die vielen trostlosen Minuten, die der genialen Sekunde vorausgehen, die sie so kostbar machen.
Fußball lehrt noch mehr.
Der gelungene Spielzug, das „Ineinandergreifen der Mannschaftsteile", die „Harmonie" auf dem Platz ist der Vorschein im Sinne des Philosophen Ernst Bloch:
Die Utopische einer gelungenen, einer gerechten Gesellschaft, in der jeder einzelne gebraucht wird.
Diese Gemeinschaft der Gleichen ist das Gegenteil von Gleichmacherei: die Regeln gelten für alle, alle stecken in uniformen Trikots, aber gerade deshalb hat das Individuum die Chance, seine Einzigartigkeit zu entfalten.
Allein ist der einzelne nichts, aber nur aus Persönlichkeiten entsteht eine große Mannschaft.
Nun noch zur zivilisierenden Funktion des Fußballs.
Der Soziologe Norbert Elias hat sich sein Leben lang mit Zivilisationsprozessen beschäftigt.
Das Schlüsselproblem sei die Frage, sagt Elias, wie Menschen ihre elementaren Bedürfnisse im Zusammenleben mit einander befriedigen können, „ohne dass die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse des einen Menschen oder der einen Gruppe von Menschen auf Kosten der Bedürfnisbefriedigung eines anderen oder einer anderen Gruppe geht".
Das ist natürlich die zentrale globale Frage heute.
Wir sind noch weit entfernt von einem zivilisierten Wirtschaftssystem. Unseres lebt ja gerade davon, Kosten auf andere und insbesondere auf die Zukunft zu verschieben.
Aber das nur nebenbei.
Für unsere heutige Diskussion spannend ist, dass Elias eine zunehmende Demokratisierung zu den Elementen eines Zivilisationsprozesses zählt.
Und dazu kommt noch das, was er „Pazifizierung" nennt: die Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zivil und nach Regeln auszutragen.
Als Beispiel dafür nennt er ein parlamentarisches Regierungssystem: das erfordere einen hohen Grad an Selbstkontrolle.
Nur diese Selbstkontrolle hindere „alle beteiligten Individuen daran, Gegner mit Gewaltmitteln zu bekämpfen oder die Regeln des parlamentarischen Spiels zu verletzen".
Elias zieht dabei Parallelen zu unserem Thema. Er sagt:
„Ein parlamentarisches Mehrparteiensystem ähnelt in dieser Hinsicht einem Fußballspiel: Es wird gekämpft, aber nach strikten Regeln, deren Beachtung ebenfalls ein hohes Maß an Selbstzucht verlangt.
Wenn der Kampf zu hitzig wird, wenn sich das Fußballspiel in eine vergleichsweise regellose Keilerei verwandelt, hört es auf, ein Fußballspiel zu sein."
Ich finde das deshalb interessant, weil ich mich natürlich bei jedem Spiel gerne aufrege, empöre, mit Leidenschaft dabei bin - und auch schon mal über die Stränge schlage: beim parlamentarischen Spiel wie auf dem Platz.
Leidenschaft und Kampfgeist gehören zum Fußball wie zur Politik.
Für mich gehört auch dazu, dass man die Grenzen der Regeln auslotet und sich vielleicht sogar mal hinreißen lässt, sie zu überschreiten.
Aber das Spiel macht nur Spaß, wenn man die Regeln grundsätzlich anerkennt und wenn Verstöße geahndet werden.
So sehr Leidenschaft und Kampfgeist zum Fußball gehören, Gewalt gehört eben ganz und gar nicht dazu.
Fußball ist ein ziviles und zivilisierendes Projekt.
Wenn es bei Fußballspielen zu Gewaltausschreitungen kommt, geschieht das genau aus diesem Grund.
Fußball ist geradezu ein Symbol und eine rituelle Feier errungener Zivilisation.
Er zelebriert die körperbetonte Auseinandersetzung zweier Gruppen nach Regeln und ohne Gewalttätigkeiten.
Dieses Ritual, das unsere Gesellschaft verbindet, wird von den Gewalttätern absichtlich dementiert.
Sie brauchen deshalb den Vorwand gegnerischer Fans nicht mehr, sondern gehen gezielt gegen die Polizei vor.
Denn die verkörpert das staatliche Gewaltmonopol und gleichzeitig die Gewaltfreiheit der Gesellschaft.
Organisierte Schläger wählen den Fußball gerade wegen seiner Friedfertigkeit und Zivilisiertheit.
Sogenannte Hooligans sind keine Fans.
Sie attackieren das, wofür der Fußball steht.
Zum Schluss noch ein Satz in eigener Sache:
Liebe macht blind, heißt es.
Aber wer von außen, ohne Leidenschaft, auf den Fußball blickt, dem fehlt das erkenntnisleitende Interesse.
Über Fußball lässt sich ohne Liebe nicht erhellend sprechen.