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28. April 2010
Interview mit der Mainpost
Mehr Wertschätzung für Franken
Grünen-Kulturpolitiker Sepp Dürr über den Streit um die Rückgabe fränkischer Kulturschätze
Der Streit um fränkische Kunstschätze, die einst von den Wittelsbachern nach München gebracht wurden, gehört zu den Dauerbrennern der bayerischen Landespolitik. Erst kürzlich hat das zuständige Kunstministerium eine Rückgabe kategorisch ausgeschlossen. Für den Grünen-Kulturpolitiker Sepp Dürr ist dies Kulturzentralismus. Er verlangt deshalb im Gespräch mit dieser Zeitung die Rückführung von Herzogschwert oder Domschatz.  
Herr Dürr, Sie stammen aus dem Münchner Umland. Was an Ihnen ist speziell oberbayerisch?
Sepp Dürr:
Mein Dialekt. Und was für viele auch gewöhnungsbedürftig ist: Ich bin ein Freund der direkten Aussprache. Das heißt, dass ich spontan, manchmal zu spontan sage, was mir durch den Kopf geht. Und dass ich Dinge mit Leidenschaft betreibe und diese Leidenschaft auch nicht verberge. Dass diese Leidenschaft manchmal sehr kritiklastig ist, das ist auch sehr oberbayerisch.

Gibt es in der Globalisierung überhaupt noch solche „Stammeseigenheiten"?
Sepp Dürr:
Diese Eigenheiten gibt es hundertprozentig noch. Man muss sich zwar immer davor hüten, irgendwelche Schubladen aufzumachen. Denn es geht hier um Orientierungspfosten, um Wegweiser. Es geht nicht um etwas, das ein für alle Mal festgeschrieben ist. Aber nehmen wir mal die Franken: Ich kenne dutzende Franken, die nicht von vorneherein an den glücklichen Ausgang eines Ereignisses glauben. Die mir vor einer Veranstaltung sagen: Das wird nix. Die beim Loseziehen sagen: Ich verlier eh immer. Das ist etwas, was sich in Franken in den letzten Jahrhunderten so herausgebildet hat. Das zum Beispiel ist typisch fränkisch.

Und was ist typisch oberbayerisch?
Sepp Dürr:
Früher galten Oberbayern als maulfaul. Seit aber die CSU unter Strauß und Stoiber sich extrem oberbajuwarisiert hat und ganz Bayern oberbajuwariseren wollte, hat sich das total geändert. Inzwischen glaubt man: Desto mehr man auf den Putz haut, desto mehr ist man Oberbayer. Dabei gehört das Auf-den-Putz-hauen aus meiner Sicht nicht zum Charakteristikum eines Oberbayern.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auch ihre Argumentation zum Thema „fränkische Beutekunst" als typisch oberbayerisch kritisiert. Inzwischen hat Sie sogar der Fränkische Bund als Festredner eingeladen. Was ist da passiert?
Sepp Dürr:
Ich habe schon seit Jahren die zentralistische Politik in Bayern angegriffen. Ich habe aber unterschätzt, wie stark die eigene Argumentation ignoriert wird, wenn man nur bestimmte Reizwörter benutzt. Ich bin da ein wenig naiv hereingetrampelt. Denn wenn du bei diesem Thema als Oberbayer den Mund aufmachst, dann bist du für viele automatisch auf dieser Stoiber-Schiene.

Was genau haben Sie falsch gemacht?
Sepp Dürr:
Die berechtigte Kritik, die hinter diesem Kulturkampf steht, dass nämlich der bayerische Zentralstaat die Regionen nicht zur Entfaltung kommen lässt, die hielt ich für so selbstverständlich, dass ich sie nicht extra betont habe. Und weil ich mir gleichzeitig erlaubt habe, die Art zu kritisieren, wie man das fränkische Anliegen vorgebracht hat, bin ich mit meiner Argumentation gar nicht mehr durchgedrungen.

Was gefällt Ihnen denn nicht an der Art des fränkischen Vortrags?
Sepp Dürr: Zum einen ist für mich der Begriff „Beutekunst" extrem nah an der Enteignung der Juden durch die Nazis. Da vermischt man Dinge, die man nicht auf eine Stufe stellen kann. Es gibt in der Kulturpolitik gegenüber Franken sicher viel Unrecht. Aber dieses Unrecht hat eine andere Qualität, als das, was unter dem Begriff „Beutekunst" verstanden wird. Zum anderen glaube ich nicht, dass wir unsere Identität, unsere kulturellen Wurzeln allein aus der Vergangenheit heraus definieren können. Damit schließt man nämlich von vorneherein alle die aus, die damals noch nicht dazugehörten. Ich plädiere deshalb dafür, nicht so sehr die abgeschlossene, sondern mehr die offene Seite der Geschichte zu betonen.

Auf die Debatte um fränkische Kunstschätze gemünzt: Warum also müsste der Domschatz zurück nach Bamberg oder das Herzogschwert zurück nach Würzburg?
Sepp Dürr:
Kulturpolitik hat immer große Symbolkraft. Es geht um die Frage, wie viel Wertschätzung die Regionen in Bayern von der Zentralmacht bekommen. Beim Domschatz oder dem Schwert, mit denen sich sehr viele Franken sehr stark identifizieren, muss man deshalb über die Notwendigkeit der Rückgabe eigentlich nicht mehr diskutieren. Alle Regionen in Bayern müssen endlich zu Ihrem kulturellen Recht kommen. Aber nicht wegen gestriger, sondern wegen heutiger Ansprüche. Mir geht es darum, nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart neu zu ordnen und gerechter zu machen.

Ist es nicht auch wichtig, wofür diese Kunstschätze einst standen - also zum Beispiel für die weltliche Macht der Kirche? Und was diese Macht für die Menschen früher bedeutete?
Sepp Dürr:
Ja. Es geht natürlich darum, sich auch in der Abgrenzung zur eigenen Herkunft in der Gegenwart zu definieren. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass diejenigen, die diese kirchlich-staatlichen Insignien zurück haben wollen, auch die einst dazu gehörenden Herrschaftsverhältnisse zurück haben wollen. Man muss sich also in der Auseinandersetzung mit diesen Kunstwerken auch mit der Frage beschäftigen: Was bedeutet für mich Leben in der Demokratie. Das ist eine große Herausforderung an die Präsentation. Von solchen Überlegungen ist die bayerische Kulturbürokratie aber leider noch meilenweit entfernt. Dort scheint man noch nicht einmal zu kapieren, dass die Zeiten der Monarchie schon lange vorbei sind.

Das Kunstministerium hat kürzlich in einem Bericht die Rückführung fränkischer Kunstgegenstände als „ahistorisch" abgelehnt. Die zentrale Präsentation in München „hatte und hat identitätsstiftende Funktion" für ganz Bayern heißt es dort. Was sagen Sie dazu?
Sepp Dürr:
Das ist der Kurzschluss einer zentralstaatlichen Bürokratie. Für die Zentrale selbst hat eine zentrale Präsentation natürlich identitätsstiftende Wirkung. Aber das Argument sticht nicht. Denn was für sie identitätsstiftend ist, das können die Menschen in den bayerischen Landesteilen nur selbst bestimmen. Und dass die zentrale Ausstellung in München für viele Franken diese Wirkung nicht hat, sieht man doch schon an den Diskussionen, die wir immer wieder führen. Dass die bayerischen Kulturbürokraten zudem von Berlin und Brüssel genau mit dem gegenteiligen Argument den kulturellen Dezentralismus einfordern, den sie im eigenen Land beharrlich verweigern, das ist fast schon schizophren.

Die Kunstgegenstände gehören ja nach wie vor juristisch den Wittelsbachern. Müssen sie deshalb in München bleiben?
Sepp Dürr:
Wir können nicht die verpasste Abnabelung von der Monarchie in den 1920er Jahren nachholen. Damals hat man leider dafür gesorgt, dass die feudalen Geschlechter ihr Eigentum behalten durften. Aber bei einer vernünftigen Auseinandersetzung werden sich auch die Wittelsbacher nicht der Tatsache verschließen können, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Zumal es doch Unsinn ist, wenn man so tut, als würde die Metropole verarmen, nur weil man die Provinzen nicht mehr ausbeuten kann.

Die Debatte um die fränkischen Kunstwerke dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis. Wie kann man den Knoten lösen?
Sepp Dürr:
Man muss endlich weg von der zentralstaatlichen Politik in Bayern. Man muss Macht und Geld in die Regionen geben. Und man muss vor allem mehr Verantwortung in den Regionen zulassen. Solange das nicht passiert, wird die berechtigte Kritik am Kulturzentralismus immer wieder hoch kochen.

Das Gespräch führte Henry Stern

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